Die Schicksalsklinge am Spieltisch

Das Computerspiel „Die Nordlandtrilogie – Die Schicksalsklinge“ ist für mich bis heute eines der wenigen Spiele, die es schaffen, die Faszination einer Rollenspielrunde in einem Einzelspielererlebnis wiederzugeben. Aber wäre genau dieses Spielerlebnis auch am eigenen Spieltisch umsetzbar? Und wenn ja, mit welchen Regeln? Ist die vollständige Simulation wirklich der richtige Weg? Oder kann sogar ein Erzählrollenspiel besser die Essenz des Spielerlebnisses einfangen? Ich versuche mich im heutigen Artikel dieser Frage zu nähern und tue mich doch mit einem klaren Fazit schwer.

Letzte Woche überkam mich die Nostalgie und ich habe wieder angefangen das Computerspiel „Die Nordlandtrilogie – Die Schicksalsklinge“ zu spielen. Die HD Version von den Crafty Studios hat eine lange und bewegte Entwicklung hinter sich und ist mittlerweile zu einem sehr guten Spiel herangereift. Schon vor knapp einem Jahr hatte ich einen Spielversuch mit der Originalversion des Spiels von 1992 gestartet. Meine Reise endete seinerzeit nach einer längeren Spielpause damit, dass ich aus meinen eigenen Notizen leider nicht mehr schlau wurde. In der HD Fassung ist das dank einigen kleinen aber feinen Komfortfunktionen etwas einfacher geworden (ich sag nur Quest Log). Trotz dieser Neuerungen ist die grundlegende Faszination des Spiels erhalten geblieben und ich bin zuversichtlich diesmal Grimring, die sagenumwobenen Schicksalsklinge zu bergen und den Orken Einhalt zu gebieten.

Moment mal, warum schreibt der da von einem vier Jahre alten Remake eines 25 Jahre alten Spiels? Weil für mich die große Entdeckungsreise durch Thorwal nach wie vor zu einer DER Geschichten des schwarzen Auges zählt und mich kein anderes Abenteuer je so in seinen Bann gezogen hat. Und das, obwohl ich eigentlich alles an diesem Spiel hassen müsste!

Fangen wir von vorne an. „Die Schicksalsklinge“, der Auftakt zur „Nordlandtrilogie“, spielt im Aventurien des Jahres 1008-1010BF im Thorwal, einem an alte Wikinger Sagen angelegte Region der Welt des schwarzen Auges. Der Hetmann selbst, Anführer der Thorwaler, ruft Helden zusammen um ein Schwert zu bergen, von dem nur noch in den Sagas der Skalden berichtet wird: Grimring, die Schicksalsklinge.

Thorwaler
Archetyp Thorwaler – Ulisses Medien und Spiel Distribution GmbH

Einst wurde mit dieser Waffe, die auch der Orkenspalter genannt wird, den Orks Einhalt geboten und heute, da sich die Schwazpelze erneut zusammenrotten, könnte alleine dieses Schwert den Orkensturm aufhalten.

Sehr viel epischer geht es eigentlich kaum und doch ist das Abenteuer selbst so bodenständig wie es nur sein kann! Während Thorwal für den Krieg rüstet, sollen die Helden nach der verschollenen Klinge suchen. Das ist ein greifen nach Strohhalmen und so kann der Hetmann nur wenige Goldmünzen entbehren von denen sich die jungen Helden im Zeughaus der Stadt ausstatten können.

Eigene Spielerfahrung

Und schon hier ist die Erfahrung bei jedem durchspielen anders. Denn, DSA3 typisch (das Spiel ist oft sehr nah an der Pen and Paper Vorlage), wird bei der Heldenerschaffung fast alles ausgewürfelt! Also auch das Startkapital eines jeden Helden, ganz zu schweigen von seinen positiven wie negativen Eigenschaften. Natürlich kann man, die nötige Geduld vorausgesetzt, das System austricksen und immer wieder neu würfeln, wenn einem ein Teil des Charakters nicht passt. Trotzdem kommt am Ende eine Truppe heraus, die klare Stärken und Schwächen hat, die man sich nur teilweise so ausgesucht hat.

Mit dem durch den Hetmann ein wenig aufgebesserten Kapital gilt es dann die Helden auszurüsten. Wer nun beim nächstbesten Krämer alles Nötige zusammenkauft, hat vermutlich schon den ersten Fehler begangen. Denn natürlich unterscheiden sich die Preise der Händler enorm untereinander. Das Zeughaus bietet dabei noch die besten Preise, man kann aber nur einmalig eintreten und die Auswahl ist begrenzt.

Also geht die Erkundung der Stadt Thorwal los (ja, mit Namensfindung haben es die Thorwaler nicht so). Man macht sich Notizen, wo die Schlafsäcke, die man im späten Herbst wohl besser einpacken sollte, am günstigsten sind und wo man zu halbwegs adäquaten Preisen die gewünschte Axt erstehen kann. Man findet an Tag zwei dann auch eine Bleibe in der der Herbergsvater nicht ins Essen spuckt und einen die Zimmerpreise an den Bettelstab bringen. Und dank einer kleinen Queste der lokalen Kriegerakademie bleiben sogar genug Silberstücke übrig, damit die Gruppe nicht auf halbem Weg zum nächsten Ort verhungern wird.

Nach über einer Woche in Thorwal brachen meine Helden das erste Mal überhaupt auf und begannen das eigentliche Abenteuer! Ich musste mir Sorgen machen, dass einer meiner Leute, für den das Gold nicht mehr für Stiefel gereicht hatte, sich nicht im Marsch durch den Regen den Tod holt. Denn weder waren extrem teure Heilkräuter in der Tasche, noch vertraute ich meinem elfischen Waldläufer, dass er eine Krankheit überhaupt richtig diagnostizieren könnte!

Waldelf
Archetyp Waldelf – Ulisses Medien und Spiel Distribution GmbH

Durch diesen Druck, durch die Ungewissheit, was einem passieren könnte und wie man damit umgehen könnte, entwickeln sich ganz von alleine spannende Geschichten. Viele kleine Mechanismen, Micro Management und Entscheidungsfreiheit ergeben in Summe ein für mich sonst nie erreichtes Spielerlebnis.

Klar nervt es, das man Proviant, Gold, Heilkräuter, Tragkraft und Ausdauer der Helden, die Beschädigung von Waffen und die Angemessenheit der Reisekleidung im Auge behalten muss. Welches Rollenspiel macht das denn heute noch (im Hintergrund räuspert sich leise „Zelda – Breath of the Wild“)? Aber auf der anderen Seite ergeben sich dadurch neue Herausforderungen, neue Geschichten.

Die Haupthandlung stünde ohne dass alles Recht nackt da: Man erhält vom Hermann den ersten Namen und Wohnort einer Person die etwas über Grimrings Verbleib sagen kann. Sucht man die Person auf, bekommt man einige neue Namen und Orte genannt. Dieser Schnitzeljagd folgt man quer durch Thorwal bis man irgendwann genug Informationen zusammen hat um das Grab des letzten Trägers des Schwertes ausfindig zu machen. Hat man die Schicksalsklinge schließlich geborgen, tritt man im ehrenhaften Zweikampf dem Häuptling der Orks entgegen.

Ok, wenn ich das so schreibe, klingt das aufregend genug. Aber es passiert einfach noch so viel mehr auf dem Weg dorthin! Wenn man sich mit letzter Kraft aus einer Höhle voller Piraten schleppt und der Kampf mit einigen Steppenhunden plötzlich zum letzten Gefecht wird. Wenn die Blaue Keuche unter den Helden um sich greift und man noch drei Orte vom einzigen fähigen Heiler entfernt ist und den Atem anhält ob man es irgendwie noch lebend dorthin schafft. Oder wenn man dem Dämon gegenübersteht, alle Zauber schon aufgebraucht sind und der Magier mit nichts als seinem Magierstab sich noch der Ausgeburt der Niederhöllen entgegenstellen kann. In diesen Szenen erzählt das Spiel Geschichten, die ganz ohne die Hand eines Autoren entstanden​ sind.

Dazu kommen die kleinen und großen Nebenquesten des Spiels, inklusive teils umfangreichen Verliesen die es zu erkunden gilt. In fast jedem Ort gibt es etwas zu entdecken. Man schnappt in den Tavernen so allerlei Gerüchte auf und nicht selten verbirgt sich eine interessante Nebengeschichte dahinter.

Aber wie bekommt man das an den Spieltisch?

Ich leite jetzt Teil zwei der Theaterritter Kampagne (den ersten Spielbericht zur Kampagne gibt es HIER) und auch hier waren wir viel auf Reisen. Meine Gruppe ist allerdings gut ausgestattet und sind wir Mal ehrlich, bei all dem, was das Abenteuer uns an Aufgaben vorgibt, da brauche ich mir als Meister gar nicht die Arbeit zu machen weitere Inhalte vorzubereiten.

Aber wollte man heute Grimring suchen gehen, mit neuen Helden, vielleicht in einer neuen Zeit. Wie würde man das leiten? Will man diese Kleinteiligkeit am Spieltisch haben? Kann man das überhaupt? Die Computerspiele haben trotz aller Detailverliebtheit natürlich immer auch abstrahiert. Müsste man das auch am Spieltisch tun? Ist die Suche nach dem günstigsten Geschäft oder dem Haus einer bestimmten Person eine interessante Beschäftigung die auch als Gruppenerlebnis Spaß macht? Oder funktioniert das nur als Kopfkino, wenn ich alleine an meinem Rechner sitze?

Apropos Kopfkino. Meine Helden haben natürlich in meinen Gedanken ein Eigenleben. Sie diskutieren miteinander, schmieden Pläne, haben Scherereien, wenn der Zwerg Mal wieder ein Schloss nicht aufbekommt oder der Krieger auf der Nachtwache eingepennt ist. Das macht das Spiel so besonders, es fühlt sich an wie eine echte Spielrunde. Aber eben mit sehr eingeschränkten Möglichkeit. Am echten Spieltisch, wo alles möglich ist, kann ein Kneipenbesuch um den Aufenthaltsort eines bestimmten Kontakts herauszufinden schnell eine Stunde dauern! Im Spiel klicke ich nur schnell drei Textfenster durch. Am Tisch muss ich natürlich auch alle Proben auf Gassenwissen, Feilschen, Klettern und Co selbst würfeln und mir etwas Passendes für die Ergebnisse ausdenken. Dem Spiel reicht es mir zu sagen „Alrik ist gestürzt und hat sich verletzt“. Am echten Spieltisch würde also alles sehr viel länger dauern und man könnte die etwas eintönigeren Vorgänge auch nicht überspringen oder abkürzen, weil man ja trotzdem die Ergebnisse wissen muss um die Simulation am Laufen zu halten.

Will ich das wirklich mit DSA5 Regeln spielen? Sammelproben auf Gassenwissen zum Herumfragen in jedem Ort. Feilschen um Preise für Verpflegung und Ausrüstung. Ellenlange Inventar Listen mit Verschleiß, Haltbarkeit und wer das ganze gerade trägt. Macht das am Tisch wirklich Spaß oder ist der Aufwand den erhöhten Spielspaß durch emergentes Gameplay nicht Wert?

Die Alternative: Erzähle die Geschichte, simuliere sie nicht

Mit Erzählrollenspielen wie den DSA Erzählregeln oder Fate ließe sich die gleiche Geschichte theoretisch auch erleben. Statt haarklein aufzuführen, was die Gruppe an Equipment dabeihat, beschreibt man es einfach. Zu Beginn ist die Truppe evtl. „Nur mit dem nötigsten versorgt“. Gerät sie nun in eine brenzlige Lage, könnte man bei Fate diesen Gruppenaspekt reizen und sagen „Hier tobt ein niederhöllischer Sturm und ihr seid nur mit dem nötigsten versorgt; daher macht es Sinn, dass ihr komplett durchnässt werdet und euch eine Krankheit zuzieht. Was halb so schlimm wäre, gäbe es den nächsten Heiler nicht erst in drei Tagesreisen Entfernung!“.

Die Spieler gehen dabei auch nicht leer aus. Sie erhalten je einen Fatepunkt und können so selbst später Einfluss auf die Geschichte nehmen. Die Spieler können aber auch bei der Gestaltung mitwirken und Gegenvorschläge machen. Vielleicht wollen sie keine kranken Helden spielen und fänden es spannender im Durcheinander des Sturms den Packesel zu verlieren und ihm dann nachjagen zu müssen. Sobald alle am Tisch die entstehende Geschichte gut finden geht es weiter.

Das ist natürlich keine Simulation mehr. Es spielt sich anders, fühlt sich anders an. Es gibt immer noch Herausforderungen und es entstehen auch hier durch Würfelergebnisse neue Geschichten, aber die Erzählung steht im Vordergrund, nicht so sehr ein Ereignis zu simulieren und zu sehen was dann passiert.

Die Last dutzender Bücher. Und dann wäre da noch das kleine „Problem“, dass in meinem Schrank nahezu jedes DSA5 Buch steht, das bisher veröffentlicht wurde. Und an sich finde ich die DSA5 Regeln auch sehr gelungen! Ich will ja auch vielleicht einige der kürzeren Abenteuer in einer solch großangelegten Kampagne mit einweben. Mit einem Erzählrollenspiel ist das Bespielen eines vorgegebenen Abenteuers immer etwas kniffelig, nimmt es den Spielern doch sehr viel ihrer erzählerischen Freiheit wieder weg. Außerdem müssen Szenen und NSCs natürlich an die neue Regelwelt angepasst werden, was seine eigenen Probleme mit sich bringt.

Himmel, wann kommt der endlich zu einem Fazit?

Kommt er nicht, nicht wirklich zumindest. Beide Ansätze, die Simulation und die Erzählung, haben ihre ganz eigenen Vor- und Nachteile. Auch zwingt einen niemand dazu bei DSA jede Kleinigkeit zu simulieren oder Fate mit allen erzählerischen Freiheiten zu spielen. Man kann mit beiden Regelsystemen einen Mittelweg gehen und den muss man mit der eigenen Spielrunde gemeinsam finden. Jedoch wird die initiale Entscheidung, welches System man verwendet, das Spielgefühl entscheidend beeinflussen.

Meine Antwort habe ich noch nicht gefunden. Ich denke das Spielgefühl der Schicksalsklinge könnte ich einfacher mit Fate einfangen. Ich glaube es liegt mir nicht eine komplexe Simulation am Spieltisch zu leiten, inklusive Micro Management der Ausrüstung und Co. Dem gegenüber steht, dass ich gerne das volle Potenzial der DSA5 Veröffentlichungen ausschöpfen möchte, aber nicht glaube, dass man mit diesen Regeln ohne das Micro Management genau dieses Spielgefühl an den Spieltisch bekommt.

Ausblick

Ob ich am Ende tatsächlich eine neue Spielrunde im Geiste der Nordlandtrilogie auf der Drachenzwinge anbieten werde, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.

Ich würde mich sehr über eure Anmerkungen, eigenen Erlebnisse und Spielberichte in den Kommentaren freuen! (Auch gerne als Link, wenn ihr einen passenden Spielbericht schon irgendwo geschrieben habt.)

Bis dahin, viele Grüße

featherandsword / Michael


Die Verwendung von Abbildungen und Zitaten erfolgt in Übereinstimmung mit den Fanrichtlinien der Ulisses Medien und Spiel Distribution GmbH.

Verwendetes Kartenmaterial stammt aus dem Kartenpaket der Ulisses Medien und Spiele Distribution GmbH und unterliegt der hier abrufbaren Lizenzvereinbarung.

Disclaimer: DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN, DERE, MYRANOR, THARUN, UTHURIA und RIESLAND sind eingetragene Marken der Significant Fantasy Medienrechte GbR. Ohne vorherige schriftliche Genehmigung der Ulisses Medien und Spiel Distribution GmbH ist eine Verwendung der genannten Markenzeichen nicht gestattet.

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3 Gedanken zu “Die Schicksalsklinge am Spieltisch

  1. Nur kurz von mir, ich bin der Fulger in Crystals NLT Forum (sowie der Hobbit den Lydian ins Spiel gebracht hat 😉 )
    Falls du das meistern willst, solltest du für dich die Unklarheiten der Informanten klären.
    Im verlinkten Beitrag sind ein paar nützliche Dateien die man für das Meistern brauchen kann.
    http://www.crystals-dsa-foren.de/showthread.php?tid=4855&pid=135625#pid1355625
    Ansonsten, wünsche ich viel Spaß bei der eventuellen Vorbereitung 🙂

    Gefällt 1 Person

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